Schüler in Strittmatters Laden

Nach langer schülerarmer Zeit besuchte eine neunte Klasse der Zehnklassigen Oberschule Spremberg unser kleines Museum. Während ihres mehrtägigen Aufenthalts im Feriencamp am Felixsee nutzten sie die Gelegenheit, um den Ehrenbürger ihrer Stadt etwas näher kennenzulernen. Ausgangspunkt unseres Gesprächs war ein Foto ihrer Schule von 1914 – dem Mädchenlyzeum. Einige Schüler wussten, dass Erwin Strittmatter zu Beginn der Zwanzigerjahre hier im Keller bei den Hausmeistersleuten wohnte, weil er in die „hoche Jungsenschule“, dem heutigen Erwin-Strittmatter-Gymnasium, ging. Weitere Fotos zeigten den jungen, lebenslustigen Erwin u. a. auf dem DKW-Motorrad „Burschen mit Motorrädern haben Schlag bei die Mädels, heißt es. (aus Der Laden II). Zwei Textauszüge der Laden-Trilogie, wie Mutter Lenchen ihren Kindern das Deitsche beibringen wollte und wie Esau Matt vorm Plumsklo in die Fäkaliengrube fiel, sollte einen ersten Eindruck der Besonderheit Strittmatter`scher Dichtung vermitteln. Ein kurzer Rundgang durchs Haus und ein Blick auf die in der Scheune hängenden Kaltnadelradierungen einer Schülergruppe schlossen sich an und anschließend suchten sich die Schüler Motive für ihr Naturstudium.
Eine Frage eines Jungen zum Abschluss freute mich sehr: Wo kann er eine Ausgabe von Der Laden erwerben?
Renate Brucke

Besuch der Urania „Wilhelm Förster“ Potsdam e. V.

Ein Dreivierteljahr vorher hatte Dr. Mathias Iven Kontakt zum Verein aufgenommen, um die langfristige Planung in seiner Broschüre „Thematische Exkursionen“ aufzunehmen.
Am 31. Mai kamen siebenundzwanzig interessierte, neugierige Gäste aus Potsdam und Berlin, um den literarischen Spuren der Roman-Trilogie DER LADEN von Erwin Strittmatter zu folgen. Zuerst ging es ins Spremberger Heimatmuseum mit seiner umfangreichen Strittmatter-Sammlung, dann zur „Mühlen Numero Eins“, wo der Kolonialwarenladen der Großeltern Kulka stand. Halt machten wir weiter am großartigen Backsteinbau des ehemaligen Mädchenlyzeums, der heutigen Berufsorientierenden Oberschule, wo Esau Matt – der Protagonist der Trilogie – bei den Pensionseltern und Hausmeisterpaar Baltin im Keller wohnte. Auf Esaus Schulweg kamen wir an der Langen Brücke, dem Postamt vorbei bis zum Tiedesteg, nahe der „hochen Jungsenschule“, wo Mutter Lenchen vor der Aufnahmeprüfung schnell noch ihre Schuhe wegen der „Hühneroogen“ wechseln musste. Nach dem Essen im „Schweizergarten“ ging`s nach Bohsdorf mit dem Textauszug zu Esaus Fahrradtouren mit Hundeabwehr nach Bossdom.
Eine ausführliche Führung folgte im Laden und ein gekürzter Rundgang (die Zeit drängte) durchs Dorf, vorbei an Bubnerkas Gasthof zur Gärtnerei Kollatsch und der ehemaligen Gutsarbeiterkate Buderitsch.
„Die Versuchung des Amtsvorstehers“ – eine Anekdote, die Strittmatter in den Fünzigerjahren zum „Neuen Menschen“ schrieb – bildete bei Kaffee und Kuchen den Abschluss.
Vielleicht hat dieser Ausflug dazu beigetragen, dass der eine oder andere zu Strittmatters Werken greift.

Herzliche Einladung – Nr. 8 unserer Lesereihe Literarische Wortmeldungen aus der Provinz trägt den Titel „Hoffend auf bess’re Zeiten“ und erinnert an Schicksale und Lebensbrüche

Wir Mitglieder des Brandenburger Landesverbands im Freien Deutschen Autorenverband e.V. laden Sie herzlich ein zur nächsten Veranstaltung
am Freitag, 2. Juni 2023 um 18 Uhr im Wendischen Haus Cottbus, August-Bebel-Straße 82

Nr. 8 unserer Lesereihe widmen wir erneut Menschen, die in Zeiten von Terror, Rassenwahn und Diktatur gedemütigt, verfolgt und vertrieben wurden.

Anlässlich ihres 40. Todestages am 1. Juni würdigen wir besonders Anna Seghers mit einem Beitrag von Monika Melchert, langjährige Leiterin des Anna-Seghers-Museums. Die Autorin mehrerer biografischer Bücher liest und erzählt über die weltberühmte Schriftstellerin, die nach Flucht und Exil 1947 in das gleichermaßen von Aufbauwillen und Kaltem Krieg geprägte geteilte Deutschland zurückkehrte.

Weitere Beiträge erinnern an das Schicksal einer jüdischen Familie im Berlin der Nazizeit sowie an die Verwerfungen der 1950er Jahre, auf die Dietrich Garstka in seiner Geschichte vom mutigen „Schweigenden Klassenzimmer“ einen authentischen Blick wirft.

Mitwirkende:
Dr. Monika Melchert (Berlin): „Anna Seghers – Schwierige Heimkehr aus dem Exil“,
Silvia Friedrich (Kleinmachnow): „Kuchenzeit oder Flüchtiges Glück in rauen Zeiten“
Hannelore Schmidt-Hoffmann (Cottbus): „Dietrich Garstka – Das schweigende Klassenzimmer“
Musikalische Begleitung: Lisa Walter (Cello und Klavier)
Moderation: Wolfgang Hoffmann

Wir freuen uns auf Sie – und möglichst über Ihre Anmeldung per E-Mail.

Gerne dürfen Sie die Einladung an literaturinteressierte weiterleiten.

Freier Deutscher Autorenverband

FDA-Landesverband Brandenburg e.V.

E-Mail: kontakt@fda-brandenburg.de
Website: www.fda-brandenburg.de

So eine wundervolle Geburtstagsfeier …

das war der einhellige Tenor der Gäste. Knut Strittmatter, der älteste Sohn Erwin Strittmatters und Ehrenmitglied des Vereins, hatte uns wenigstens dreißig Gäste gewünscht. Es waren mehr als das Doppelte, die an Strittmatters 110. Geburtstag am 14. August auf dem Laden-Hof in Bohsdorf weilten und eine abwechslungsreiche literarische Besinnung miterlebten.

Da erzählten die Gesprächsteilnehmer von ihren ersten Leseerfahrungen mit Strittmatter‘scher Literatur im Schulunterricht, vom Ponschemu (der Unter-Uns-Sprache), die sie aus ihrer Kindheit kannten und nun in seinen Romanen wiederentdeckten, oder dass seine Prosa einen eigenen Kosmos darstellt, in den der Leser versinken kann. Oder erinnerten sich an seine Kurzgeschichten voller Poesie, Naturbeschreibung, verknüpft mit kleinen und großen Lebensweisheiten.

Zwei in den alten Bundesländern sozialisierte Gäste erzählten von der „Abwesenheit“ seiner Literatur bei ihren Zeitgenossen. (Wir wissen mittlerweile,warum.) Da seine Leser auch hier altern, sterben und die nachwachsende Generation mit seiner Dichtung nicht mehr vertraut gemacht wird, passiert Ähnliches auch bei uns. Deshalb war dieser Nachmittag wichtig und wertvoll!

Über das anschließende Lob freute ich mich und möchte mich bei den fleißigen Helfer aus Bohsdorf recht herzlich bedanken.

Ein großer Dank ebenso an die Bäckerei Labsch – besonders Frau Hedel, die uns in den letzten Jahren großzügig unterstützte und den Kranzkuchen nach Lenchen Strittmatter buk.

Renate Brucke

Es war viel los auf dem Hof des Ladens.
© Erwin-Strittmatter-Verein
Renate Brucke mit unseren Gästen.
© Erwin-Strittmatter-Verein
Ranghild Pannusch schneidet den Geburtstagskuchen an.
© Erwin-Strittmatter-Verein

Gedanken zum 110. Geburtstag Erwin Strittmatters am 14. August 2022

Hier einige liebevolle Erklärungen zu Strittmatters Literatur aus unserer Anthologie „Von Bohsdorf nach Schulzenhof – Auf den Spuren von Eva und Erwin Strittmatter“ (2016). So schreibt Mandy Spretz: “Die Laden-Trilogie habe ich viele Male gelesen … Ich denke, es ist die Sprache Strittmatters, diese vertraute, einfache, aber doch so geniale Erzählweise, die Worte benutzt, wie ein Maler seinen Pinsel, wenn er Bilder auf die Leinwand bringt.“ (S.32)
Im Interview mit dem Schauspieler Oliver Breite, der nicht nur den OLE in der Dramatisierung „Ole Bienkopp“ unter Christoh Schroth, auch den ESAU unter Mario Holetzeck spielte, äußerte sich ähnlich: “Die Laden-Trilogie – eine Familiengeschichte aus der Niederlausitz voller Humor, Weisheit, Lebensschmerz und Witz. Das sind wir. In anderen Zeiten zwar, aber wir. In seinen Dorfgeschichten findet er die Welt. Ohne diesen Zug ins Allgemeine wären es possierliche Possen. Seine Sprache ist ‚schwarzbrotschwer‘“. (S. 92)
Die Pferdeliebhaberin Edith Kattner schreibt, inspiriert von „Pony Pedro“: “Ich habe es wieder einmal hervorgeholt und mich beim Lesen in meine eigenen Pferdeerlebnisse zurück geträumt und manches durch die bildhaften gefühlvollen Darstellungen noch tiefer erlebt als vor fünfzig Jahren …“
Der tuwinische Autor Galsan Tschinag, der als Student Strittmatter kennenlernte, sah in ihm „ … zeitlebens einen Vater, meinen Geistigen. Doch der Grund, auf dem wir zunächst miteinander wandelten und uns einander vorsichtig näherten, war von Pferden umgeben … Ich wurde gefragt, ob ich durch Lassowerfen eines von den Ponyfohlen einfangen könnte, … Ich verstand, das war nun etwas, womit ich dem großen Meister dienen konnte. Und fing die Ponys nacheinander ein. Wobei ich merkte, ich wurde als Mensch angenommen.“
Auch Cordula Schladitz kam über ihre Pferdeliebe zu Erwin Strittmatters Literatur „ Alles begann mit Pony Pedro. … Ich finde heute noch, es ist eines der schönsten Kinderbücher, auch für Erwachsene. So manchmal kommt mir in den Sinn ‚Die Welt hat keine Risse‘, wenn man vor Problemen steht, die unlösbar scheinen.“ (S. 124)
Unser langjähriges Mitglied Michael Gätke schreibt über seine ersten Eindrücke als Vierzehnjähriger mit „Schulzenhofer Kramkalender“: „Mich packen diese kurzen Geschichten. Da ist etwas, was ich noch nicht erfuhr und was mir trotzdem vertraut ist. Ich lese das Buch an diesem Vormittag bis zum Ende. … und bis heute, wo nun schon über vierzig Jahre … vergingen, bleibt es so: Ich greife es mir und blättere darin und lese mich fest. Und ich versuche, Geschichten dieser Art zu schreiben.“ (S. 53)

Und zum Abschluss ein Gedicht unseres engagierten Mitglieds und Autors Matthias Stark.

Der Dichter
Er baute mir durch seine Worte
eine Welt, in der ich weilte,
Zeit um Zeit

Er zeigte mir geheime Orte
und meine Fantasie enteilte,
weit, so weit

Er nahm mich mit auf seine Reise,
durch seinen Kosmos durft ich schweben,
mehr und mehr

Erschloss die Dinge mir auf eigne Weise,
wollt folgen ihm in andres Leben,
sehr, so sehr

Und wenn ich das Talent besäße, ich könnte Fortsetzung um Fortsetzung über die Nachkommen der „Bossdomer“ schreiben! Denn es gibt sie immer noch: Die Nachfolger von „Duschkans Erich“, die anders heißen, aber sich genauso ums Dorf und sein soziales und kulturelles Leben sorgen oder der Dorftrinker, der öfter mal in der „Heede“ liegt oder der Typ, der überall ist, alles beobachtet, gern gegrüßt wird … Ja, diese Gabe, mit Worten, Wortschöpfungen und Bildern ein Wohlgefühl, eine Stimmung, ein Schmunzeln zu erzeugen, besaß nur Erwin Strittmatter. Möge seine Literatur noch eine Weile gern gelesen werden.

Renate Brucke

Musikalisch-literarisches Programm „Gedichte liest doch kein Schwein“

Endlich war es am sonnigen zweiten Juli soweit, dass das mehrmals verschobene musikalisch-literarische Programm „Gedichte liest doch kein Schwein“ in Bohsdorf aufgeführt wurde. Vor Mitgliedern und Gästen gingen unsere Mitglieder Michael Gätke und Matthias Stark der Frage nach: Werden Gedichte wirklich nicht mehr gelesen? Würden wir die Lyrik vermissen, gäbe es sie nicht? Beide Autoren widmen sich in ihrer Freizeit seit langem diesem Genre und rezitierten aus ihrem reichen Fundus. Hinzu gesellten sich Gedichte bekannter Autoren und bei „Hase im Rausch“ von Sergej Michalkow konnten tatsächlich einige Gäste mit rezitieren. Der Liedermacher Jens Opitz bereicherte mit seiner Gitarre und eigenen Kompositionen diesen unterhaltsamen, abwechslungsreichen Nachmittag.

Gemütliches Beieinander auf dem Laden-Hof
Gemütliches Beieinander auf dem Laden-Hof

 

Das 20. Literaturcafé im September 2021

Auf dieses Literaturcafé mussten unsere Mitglieder lange warten. 3 mal angekündigt und wegen Corona 2 mal verschoben, fand es am 25.9.2021 endlich statt.
Dr. Manfred Schemel, befreundet mit dem Grafiker und Illustrator Lothar Sell, lud seine Tochter Gundula zu uns ins Literaturcafé ein. Es sollte ein unterhaltsamer Nachmittag mit vielen interessanten Anekdoten werden.
Erwin Strittmatter und Lothar Sell lernten sich kennen als der junge Holzschnitzer den Auftrag erhielt, Strittmatters Buch zu illustrieren.
Trotz des Altersunterschiedes von 27 Jahren verstanden sie sich gut, konnten beide doch auf ähnliche Kindheitserfahrungen auf dem Lande zurückblicken.
Das war eine gute Grundlage für die erfolgreiche Zusammenarbeit. Lothar Sell hat viele von Strittmatters bekannten Romanen auf seine bäuerliche, humorvolle Art illustriert, z.B. Der Wundertäter, Ochsenkutscher, Tinko, Nachtigall- Geschichten und den Laden. Darüber entstand eine tiefe Freundschaft der beiden. Seine Holzschnitte, Plastiken und Zeichnungen begleiten den Leser auf sehr humorvolle Art in die Welt der Strittmatter- Romane.
„In Strittmatters Dorf sehe ich die ganze Welt“, sagte Lothar Sell.
Seine Tochter Gundula würdigte die Lebensleistung ihres Vaters, der sich sehr verbunden fühlte mit der Stadt Meißen. Er lebte und arbeitete dort sehr gern, erhielt schon 1964 den Kunstpreis der Stadt und war nach 1990 dort Stadtrat.
2009 verstarb er in seiner Heimatstadt.
Seine Tochter überraschte uns am Ende des Nachmittags auch mit eigenen Werken. Das Gedicht
„Was ich von meinem Vater gelernt habe“
entstand nach seinem Tod und lässt uns die hohe Wertschätzung für den Vater spüren.
Ein Gedicht, das mir sehr in Erinnerung geblieben ist.

Heidi Polzin

Gundula Sell
Foto: © Erwin-Strittmatter-Verein e. V.
Erwin Strittmatters Ochsenkutscher mit Holzschnitten von Lothar Sell