DER „ERWIN-STRITTMATTER-PREIS“ UND DIE DEUTSCHE VERGANGENHEIT
Im vergangenen Dezember vergab das Umweltministerium in Potsdam zum nunmehr 15. Mal seinen mit 5000 Euro dotierten Literaturpreis, diesmal an Anita Albus. Seit 1994 wurden im Zweijahresrhythmus namhafte Autoren, unter ihnen Volker Braun, Wolfgang Hilbig, Thomas Rosenlöcher und Richard Pietraß, mit dem „Erwin-Strittmatter-Preis“ (Brandenburgischer Literaturpreis Umwelt) geehrt „für literarische Werke, die in besonderer Weise literarische Qualität mit einem ethischen Anspruch zur Bewahrung der natürlichen Lebenssphäre verbinden“. Bei der Preisverleihung 2008 wurde allerdings der bisherige Name „Erwin-Strittmatter-Preis“ gleichsam stillschweigend und verschämt weggelassen und nur noch der ergänzende Zusatz „Brandenburgischer Literaturpreis Umwelt“ blieb erhalten. Die merkwürdige Begründung für die Tilgung von Strittmatters Namen aus dem Preistitel wurde erst jetzt öffentlich wahrgenommen, als der Brandenburgische Umweltminister Woidtke nach einer „Kleinen Anfrage“ im Parlament kundgab: „Eine endgültige Entscheidung zum Preisnamen steht aus. Es kann weder im Interesse des Preisgebers noch der Preisträger sein, wenn die Diskussion um die Biographie Strittmatters das Anliegen der Ehrung, die Auszeichnung umweltbewegter Literatur, überlagert.“ Ist das Unsicherheit, Vorverurteilung oder vorauseilender Gehorsam?
Auf der Tagung des Strittmatter-Vereins am 31. Januar glänzte Liersch, der mit seinen „wissenschaftlichen“ Enthüllungen über Strittmatters Kriegszeit in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung im Juni des vorigen Jahres die Debatte ins Rollen brachte, leider durch Abwesenheit. Er hat die Einladung zum Dialog nicht angenommen. Der Historiker Bernd-Rainer Barth berichtete über erste Erkenntnisse seiner akribischen Forschungen, die jedoch noch nicht abgeschlossen sind. Zu Strittmatter selbst fanden sich in den Archiven keinerlei neue Unterlagen. Selbst die 1939 oder 1940 von der SS auf einer Karteikarte erfassten Rassemerkmale lassen allenfalls die Vermutung einer Bewerbung bei der Waffen-SS zu. Ein Beweis ist das nicht. Auch bei der weiteren Recherche zum Polizeibataillon 325 ergaben sich trotz neuer Aktenfunde zwar Einzelheiten zu den Einsatzorten, jedoch keine Beweise für die Anschuldigungen gegen Strittmatter. Einige der anwesenden Journalisten, sogar der nicht unbekannte Literaturwissenschaftler C. hatte offenbar inkognito einen Informanten nach Spremberg gesandt, transportieren seither jede Menge Halbwahrheiten. Wie schon zuvor, dürre Fakten, verbunden mit Mutmaßungen und Behauptungen. Ob dies eine Folge der schlechten Tonqualität der Mikrofonanlage im Spremberger Gymnasium ist, kann zwar möglich sein, bleibt aber zu bezweifeln.
Nun wird es Zeit, sich erst recht verstärkt dem Werk zuzuwenden.
Selbstverständlich sind auch künftig aktuelle Informationen über den Fortgang der Forschungen auf den Webseiten des Aufbau-Verlags und des Strittmatter-Vereins zu finden.
Dass Umgang mit der Geschichte zu allen Zeiten eine komplizierte Angelegenheit ist, wird jedoch nicht erst am Beispiel Erwin Strittmatters offenbar. Von öffentlichen Persönlichkeiten wird meist ein offener Umgang mit den Fakten gefordert, ob sie nun Schreibende sind oder Politiker. Warum eigentlich wurden seinerzeit Globke, Lübke und Filbinger nach ihrem Leben und Tun im III. Reich und ihrer „Wende“ in der jungen Bundesrepublik so wenig befragt? Soll das jetzt an Strittmatter und anderen nachgeholt werden? Wo kommt er her, der plötzliche Wille zur „Aufklärung“? Wo sitzen die Drahtzieher dieser Meinungsmacher?
Es ist nachvollziehbar, dass an die Literaten dieser deutschen Kriegsgeneration, stellvertretend seien hier außer Strittmatter, Fühmann, Lenz, Grass und Jens genannt, ein besonderes Maß gelegt wird. Doch wer liest heute noch Fühmanns erschütternde Kriegserzählungen? (Franz Fühmann: Tage. Aufbau-Verlag 1969) Und kann man wirklich erwarten, dass Schriftsteller immer mustergültige öffentliche Instanzen sind? Menschen ohne Fehl und Tadel? Unerschrockene Ritter? Oder dürfen sie, wie andere auch, furchtbare Erlebnisse verdrängen, ängstlich sein, gar sprachlos?
Bezeichnenderweise war am 2. Februar in der Märkischen Oderzeitung außer dem Bericht zur Umbenennung des Strittmatter-Preises auch folgende unscheinbare DPA-Meldung zu lesen: „Für viele Bundeswehrsoldaten, die sich nach einem Einsatz in Afghanistan in der deutschen Wirklichkeit wiederfinden, kommt rasch ein böses Erwachen. Ihre Erlebnisse sind oftmals so verstörend gewesen, dass sie sich mit niemandem darüber austauschen können.“
Geschichte wird bekanntlich immer von Siegern geschrieben oder von Nachgeborenen aus völlig anderer Situation beurteilt. Mit den Vorfahren gerecht umzugehen, ihre Fehler und Schwächen oder gar mögliche Untaten anzunehmen, ist gewiss nie einfach und erfordert ein hohes Maß an Wissen, Souveränität und menschlicher Größe.
Im römischen Reich war man für den späteren Umgang mit historischen Persönlichkeiten bestens gewappnet. Fielen diese nach Kriegen oder Herrschaftswechsel irgendwann in Ungnade, tauschten die alten Römer einfach die Köpfe der Denkmäler aus. Der Rest der Monumente konnte kosten- und materialsparend weiterverwendet werden. Bei Büchern ist das schon schwieriger.
Gewiss müssen wir mit unserer Vergangenheit nicht so umgehen, wie manche unserer Nachbarn oder Bündnispartner. Aber das wäre nun wirklich ein anderes Kapitel. Die bisherige Praxis jedoch ist unerträglich.
„Was aber möglich ist, in der Tat, ist Veränderung.“
Das schrieb vor langer Zeit Ingeborg Bachmann. Heute ist Veränderung gleichermaßen möglich und nötig.
Der in Deutschland lebende junge türkische Autor Birand Bingül brachte es in seinem Buch „Kein Vaterland nirgends“ auf den Punkt. Die typisch deutschen Ängste, gleich in eine nationalistische oder gar rechte Ecke gedrängt zu werden, konstatiert er als wesentliche Ursache für das mangelnde Nationalbewusstsein der Deutschen und die gegenwärtigen Zustände in der Bundesrepublik. Als Beispiel nennt er, dass es immer mehr Ausgrenzung und fast keinen Zusammenhalt mehr gibt in dieser Gesellschaft, die sich krasser denn je spaltet in Habende und Habenichtse; ebenso die nachlassende Bereitschaft der Menschen, mitzudenken, selbst etwas zu tun, Verantwortung für mehr Menschlichkeit in „ihrem“ Heimatland zu übernehmen. Nicht nur Bingül glaubt, dass dies alles aus fehlenden oder verleugneten Wurzeln sowie aus falschem oder mangelndem Selbstverständnis resultiert. Oder ist es normal, dass ein Land den Begriff „Nation“ kaum zu denken wagt? Wohin soll das führen, wenn Menschen sich unverbindlich „Europäer“ nennen, weil sie sich scheuen, „Deutsche“ zu sein?
Wollen wir all diese Fragen wirklich den alten und neuen Nazis überlassen? Warum gehen wir nicht offensiv mit der Vergangenheit unseres Heimatlandes um? Warum nehmen wir sie nicht einfach an? Bei aller Mühe, es gibt keine andere. Wir haben ohnehin einzig die Chance, heute und in Zukunft unsere Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Nachhaltig, wie es heutzutage so schön heißt, aber mit Augenmaß und am besten mit dem Herzen.
Sprache ist verräterisch. Vergangenheitsbewältigung klingt für mich immer nach „Gewalt“. Mal wird generell abgerechnet mit dem gesamten Volk, Strafe für alle folgenden Generationen bis ins 7. Glied. Oder Abrechnung mit Einzelnen, die nach Belieben oder Zufallsprinzip oder wie es politisch gerade gut passt, an den Pranger gestellt werden. Dafür finden sich stets willfährige Knechte. Zu allen Zeiten. Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Forschung lässt sich besonders gut die autoritäre Position des Rechthabers besetzen. Ganz gleich, ob es um moralische Bewertung der Menschen mit DDR-Biographie geht, oder um unsere Vorfahren, die in die Kriege der jeweils Herrschenden hineingezwungen wurden. Wie werden wohl solcherart „Schläulinge“ in 50 Jahren „wissenschaftlich“ bewerten, dass Deutschland heutzutage schon wieder an Kriegen beteiligt ist?
Werner Liersch behauptet, Erwin Strittmatter sei: „Ein Autor, der sich der Verantwortung seiner Erfahrungen nicht stellte, der seine Militärbiographie verschwieg.“ Hat er Strittmatter je richtig gelesen? Ihm zugehört? Dessen zutiefst pazifistische Haltung bemerkt? Wer Strittmatter gelesen und verstanden hat, kann nachvollziehen, dass er die schrecklichen Erlebnisse, die er vermutlich protokollieren musste, sehr wohl auf seine Weise verarbeitet hat. (Der Bonner Strittmatter-Biograph Henning Gloege hat übrigens genau dokumentiert, wo und wie Strittmatter sich in seinen Büchern zum Krieg geäußert hat.) Ja, sicher hätte Strittmatter noch mehr über seine schlimmen Kriegserfahrungen schreiben können, über Scham und Schuld. So wie er offen davon sprach, dass er sich schuldig fühlte, mitverantwortlich für das, was da Furchtbares stattgefunden hatte: „Ich war nach dem großen Kriege gewillt, die große Schuld der Deutschen mit abtragen zu helfen und (wurde) reinen Herzens für eine Zeit zum Blindgläubigen.“ Doch machen wir uns nichts vor: Hätte er die Wahrheit geschrieben, wäre er zur Unperson erklärt worden. Keiner hätte seine Bücher gedruckt. Vermutlich weder im Osten noch im Westen. Strittmatter hat getan, was Literaten zu tun pflegen. Er hat seine Erfahrungen und Erlebnisse in Kunst verwandelt und in seine Bücher einfließen lassen. Dies hat er meisterhaft getan. Die literarische Qualität seiner Bücher und gleichermaßen ihre Bedeutung als Chronik einer Epoche wird durch keine Weglassung gemindert. Aus unserer heutigen Sicht wäre es sicher gut und hilfreich, könnte man auch zu Strittmatters Erlebnissen im schrecklichen Krieg seine Gedanken und Gefühle nachlesen. Vielleicht hätte er ja weitere Gedanken zum Krieg irgendwann noch aufgeschrieben, doch die Lebenszeit dafür war ihm nicht vergönnt. Es sei nicht vergessen, dass er schon alt und schwerkrank war, als er den dritten Teil seiner Trilogie „Der Laden“ vollendete. Jetzt kann er nichts mehr dazu sagen. Doch, einem Menschen, ob er nun tatsächlich schuldig geworden ist oder seine Schuld nur vermutet wird, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist ein Zeichen von Menschlichkeit und Stärke. Wir sollten bedenken: Es war Krieg. (Fühmann sagte über sich – was gleichzeitig für die meisten seiner Generation galt: „... aufgewachsen in einer Atmosphäre von verwildertem Nationalismus und rüdem Antikommunistentum, erzogen von hitlerverehrenden Mittelschullehrern, in der Wehrmacht trotz meines Ungeschicks bemüht, ein guter Soldat zu sein...“) Strittmatter arbeitete damals in der „Zellwolle Schwarza“, einem kriegswichtigen Betrieb, bis er 1941 zur Ordnungspolizei einberufen wurde. (Zur Ordnungspolizei gehörten Gendarmerie, Feuerwehr, Schutz-, Landes- und Gesundheitspolizei.) Einer Einberufung hat ein Wehrpflichtiger bis heute zu folgen. Militär hat eigene Gesetze, erst recht in Kriegszeiten. Ja, natürlich hätte er sich verweigern und sich einsperren oder erschießen lassen können. Auch später, als 1943 sein Polizei-Bataillon dem Reichführer SS Heinrich Himmler unterstellt wurde, hätte er den Heldentod sterben können. Wem hätte es genützt? Davon ganz abgesehen, ist er ja dann tatsächlich noch desertiert, weil er es einfach nicht mehr ertrug – trotz der Gefahr standrechtlicher Hinrichtung.
Allergrößter Respekt ist Menschen zu zollen, die sich dem Bösen verweigern, selbst um den Preis ihres Todes. Doch wer maßt sich an, zu verurteilen, wenn ein Mensch in solcher Situation an seinem Leben hängt? Damals ging es wirklich ums Leben. Heute fügen sich viele aus Bequemlichkeit und anderen Gründen, ziehen sich zurück, wenn Zivilcourage gefragt ist oder Widerstand gegen Unrecht.
Als im letzten Sommer die Märkische Oderzeitung titelte: „Wieder diese deutsche Haltung“, vermutete ich, es ginge um Denunziation. Nach dem Text über die "Forschungen" las ich den Ursprungsartikel aus einer großen Sonntagszeitung. Nichts anderes als ein perfides, demagogisches Pamphlet. Es enthält wenig Fakten, aber vermischt manipulativ Andeutungen mit Vermutungen und Halbwahrheiten, konstruiert falsche Zusammenhänge. Nachlässig oder bewusst? Was, außer eitler Selbstgerechtigkeit des Verfassers und seiner Genugtuung, einen erfolgreichen Schriftsteller viele Jahre nach dessen Tod zu beschädigen, kann das Motiv dafür sein? Natürlich sind noch weitere Beweggründe denkbar. Auch das Zitat des Aktenausgräbers Liersch ist bezeichnend: „Wieder diese deutsche Haltung, nicht alles zu offenbaren, was im Krieg wirklich geschah, ob im Osten oder im Westen.“ Vermutlich war er selbst „tief im Herzen schon immer ein tapferer Widerstandskämpfer“ – es hat nur keiner bemerkt. Einer, der das Glück hatte, das NS-Regime gerade mal noch im „Pimpf-Alter“ zu erleben, hält sich für moralisch überlegen genug, sich zum Richter aufzuschwingen. Er wirft Strittmatter vor, sich nach dem Krieg als Pazifist „ausgegeben“ zu haben. Wo hat dieser wackere Schreiber selbst gegen Unrecht gekämpft? Was hat er zu DDR-Zeiten riskiert? Wieso durfte er damals überhaupt nach Österreich reisen? Wer schickte ihn nach Klagenfurt? Wer waren die „Befürworter“ seiner Reisen? Welche Eindrücke hat er dort hinterlassen? Was tut er heute gegen Unrecht oder deutsche Kriegsbeteiligungen?
Erschreckend vor allem ist jedoch zu erleben, wie das deutsche Feuilleton sich auf so ein gefundenes Fressen bis heute stürzt, Sinnzusammenhänge verfälscht und verkürzt sowie selbstgerecht und gnadenlos nachtritt, wenn einer am Boden liegt. Moderner medialer Spießrutenlauf.
„Wer da ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“
Ist es für Nachgeborene, denen die „Gnade der späten Geburt“ erspart hat, mitzuerleben, welches Trauma Krieg für Menschen bedeutet, nicht eine dreiste Anmaßung, solche Forderung aufzustellen: „Offenbaren, was wirklich geschah.“
Warum fragen wir nicht besser: Wo liegen die Ursachen des Krieges? Wer waren die Kriegstreiber? Was tun wir, um dafür zu sorgen, dass von unserem Lande nie mehr Krieg ausgeht? Dass Waffenexporte verboten werden. Dass es nichts mehr gibt, was Gewalt verherrlicht, weder als Spiel noch als Film.
Wem nützt es, wenn einzelne Menschen sich hinstellen und verkünden: „Ich habe dies und jenes getan. Ich fühle mich schuldig. Ich schäme mich dafür.“ Das ist mutig und ehrenwert. Aber danach? Wie gehen die Mitmenschen mit solch einem Schuldeingeständnis um? Ändert es etwas an dem Geschehenen?
Es ist unleugbar: Jeder Mensch muss auf Dauer ganz allein mit seinem Gewissen leben, damit zurechtkommen, was er getan oder unterlassen hat. Und er muss auch mit den Folgen für seine Seele leben, ob er es glaubt oder nicht.
„Hätten wir das Wort, wir bräuchten die Waffen nicht,“ sagte Ingeborg Bachmann. Strittmatter hatte das Wort und er hat es genutzt: für eine Kultur des Friedens.
Wir Nachgeborenen sollten dankbar dafür sein, dass uns solche Situationen erspart blieben. Doch daraus erwächst uns die Pflicht, eigene Lehren aus der Geschichte zu ziehen, moralisch und menschlich. Dafür brauchen wir nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen, scheinbar schuldig gewordene zu verurteilen. Vergessen wir nicht: Von der Hand, die auf den vermeintlich Schuldigen weist, zeigen drei Finger auf einen selbst zurück. Statt sich als moralische Instanz über Menschen aus anderen Zeiten oder Verhältnissen aufzuspielen, sollten wir genau hinschauen, wo heute etwas geändert werden muss. Jeden Gedanken an Gewalt verhindern. Schwächeren helfen. Gegen Unrecht, Ungerechtigkeit vorgehen. Offen sein für das Leid anderer. Und menschlich.
Wenn ich jemanden verurteile, kann ich mich irren; wenn ich dem anderen vergebe, irre ich nie.
Hannelore Schmidt-Hoffmann
TextArt-Hoffmann@web.de
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